Sonntag, 25. Oktober 2009

Der Manager

Heute war mal ein etwas anderer Tag. Letzten Dienstag war ein Empfang von dem Deutschen Konsul in Chennai und dort hatten Lea und Lucas den Vertriebschef für Indien eines großes deutsches Unternehmen kennengelernt. Er erzählte uns das er einen total verwöhnten Sohn hätte und ihn gern mal nach Auroville schicken möchte. Er selbst hatte viel Respekt für uns übrig, für das was wir hier machen und wollte es sich auch gern mal anschauen. Also kam er mit seinem Sohn und einer Bekannten an einem Samstag, um sich Auroville anzuschauen. Wir führten sie ein wenig über die Farmen und zeigten ihnen Siddharta Forest, die Community in der Lucas und ich wohnen. Das meiste hatte leider zu, weil an dem Tag Diwali war, das ist so wie Weihnachten im Hinduismus. Es gibt Süßigkeiten und man verbringt zeit mit der Familie. Ich kam mit Ihm und seinen Sohn gut zu recht aber die Frau war die Härte… Sie ließ reihenweise Kommentare vom Stapel die waren platt, nicht zu ende gedacht und provokant. Zum Beispiel sagte sie Sachen wie unnötig es sei hier organic Farmen zu betreiben, wenn im nächsten Dorf die Menschen hungern… klingt auf den ersten Blick ganz logisch, aber wenn man bedenkt das die Menschen hungern, weil die Umwelt hier total am Arsch ist und normal kaum was wächst, ja dann lass doch alles noch mehr in den Arsch machen… Oder da liegt ein ganzes Feld brach, wenn man da Solaranlagen aufbaut könnte man sogar noch richtig Geld machen… wobei der nächste Strommast ein knappen Kilometer entfernt ist… das lohnt sich…
Naja solche Sachen gabs Reihenweise. Aber ganz unten durch war sie bei mir nach einem Kommentar. Es ging um tamilische Männer, die sich zulaufen lassen und ihre Frauen schlagen, was hier echt ein großes Problem ist. Da meinte sie das sei ja im Osten in Deutschland auch so, bei den ganzen Arbeitslosen… dazu brauch ich ja wohl nix mehr zu sagen… aber genug aufgeregt. Nachdem wir ein wenig von Auroville gezeigt hatten ging es direkt nach Pondy zum Mittagessen, er hatte uns eingeladen, mal wieder richtig essen zu gehen. Wir wollten ihn eigentlich mal dazu überreden mit uns an die Koot Rd. Zum Parottas (Pfannkuchen ähnlich, wird mit Paprikachutney o.ä. gegessen) essen zu gehen. Aber für so indische Sachen ist er nicht zu begeistern… zu hause kocht ihm sein indischer Privatkoch ausschließlich deutsches Essen, was er auch dem Sohn in die Schule bringt…
Auf jedenfalls fuhren wir dann mit seinem Fahrer nach Pondy in ein gehobenes Restaurant (d.h. man zahlt für 8 man 75 €… davon leb ich normal einen halben Monat). Und es war auch sehr lecker aber ich stellte fest das ich diese Art und Weise des Lebens gar nicht vermisse. Er fragte dann auch ob er uns was aus Deutschland mitbringen soll, ob wir was vermissen und ich überlegte und überlegte und stellte fest, das ich hier gar nix dingliches vermisse. Das war so ein schönes Gefühl sagen zu können ich habe hier genug und das auf einem relativ niedrigen Niveau. Ich mein klar die Wäsche nicht mehr mit Hand waschen zu müssen oder nicht mehr mit einem Eimer zu duschen, das sind alles Vorzüge aber bei weitem nicht essentiell. Dann gab es noch eine witzige Situation, zum Abschluss bestellte er sich noch einen Espresso und der wurde ihm gebracht mit Würfelzucker, ich fing an zu grinsen und sagte nur haha Würfelzucker. Er schaute mich verwundert an und ich meinte, ja wir sind leicht zu beglücken was, hab seit 2 Monaten keinen Würfelzucker gesehen, das hatte ich in dem Moment festgestellt. Naja dann war der Tag auch schon wieder um, er war schön und ich hattte das Wissen das ich mir grad nix anderes wünsche als so zu leben wie just in diesem Moment. Mit Kontakt zu Menschen die eine so grundverschiedene Vorstellung vom leben haben und einem durch völlig normale Kommentare und Fragen zum lachen bringen, Mit einem Leben ohne Überfluss, obwohl man ihn jederzeit haben könnte und mit Menschen die Zeit zu verbringen, die das nur allzu gut verstehen können.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Die ersten Wochen Arbeit

Nach langer Freizeit begann ich vor 2 Wochen denn endlich mal mit dem wozu ich hier bin. Ich nahm mir vor so viel zu arbeiten, wie es meine Kollegen tun. Das heißt, 8 std am Tag an 6 Tagen die Woche. Der Normale Arbeitstag sieht wie folgt aus: man kommt so kurz vor 9 am Office an und muss alle Fragen ob sie denn Hilfe brauchen. Dann sagt einer ja und ich fahr mit, ob selbst oder bei einem Kollegen auf dem Bike. Mittlerweile habe ich schon SSL, SWH und UPS skills wie man so schön bei uns sagt. SSL steht für Solar street light, SWH für Solar Water Heater und UPS ist ein Backup System für den Strom. Es ist nur so witzig wie die das so stolz erzählen. Aber alles in allen besteht meine Arbeit darin auf Dächern herumzuklettern, Photovoltaik Panels oder Solar Water Heater zu installieren. Ich verbinde damit ein wenig Idealismus, sonst hätte ich wahrscheinlich nach einer Woche kein Interesse mehr so viel Energie in das Projekt zu stecken. Ich bin also ein Teil derer die es ermöglichen, Leuten die es sich leisten können, mit Öko-Strom zu versorgen und dabei gleichzeitig Qualität und Zuverlässigkeit ins Haus holen. Denn im Gegensatz zu Deutschland ist der Solarstrom zuverlässiger als in Deutschland. Denn das Stromnetz ist so wie das Wetter in Deutschland, immer total wirsch mal so mal so und alles in allem total schlecht.
Ich war letztens total fasziniert, wie gut die Solar Heater eigentlich funktionieren, bzw. wie schnell die Tubes das Wasser erhitzen. Wir hatten an einem stark bewölkten Tag einen Heater aufgebaut und die Glas-Tubes lagen auf dem Dach, beim Zusammenbauen nahm ich dann einen Tube in die Hand und es kam kochend heißes Wasser heraus, ohne das die Sonne direkt drauf schien…
Ansonsten gibt es von Arbeit nicht so spannendes zu berichten, außer ein paar witzige Sachen, die man aber nur versteht wenn man das Feeling von hier hat. Morgen geht es nach Kodaicanal, darauf bin ich mal gespannt, das ist ein Ort der ca. 350km von Auroville. Am Sonntag um 11 geht der Bus ab Pondy und am Montag gegen 8 sind wir dann dort um einen Solar Water Heater bei einen weltbekannten Künstler, den hier keiner kennt, zu installieren. Wenn wir das erledigt haben geht’s ab in den Bus zurück und dann sind wir so nachts gegen 4 dann wieder in Av. Finde es so faszinierend das man nur um einen solchen Tank aufzubauen 700km fahrt auf sich nimmt. Aber gut ist es natürlich auch, so sehe ich noch ein bisschen mehr vom Land und werde die schönen Ecken auskundschaften.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Bikegeschichten

So also nun ein bisschen Stoff für die Rubrik Toni und die Straße…
Wie schon erwähnt hatte ich bei der einen Granit Mines Tour die Bremse von meinem Bike etwas umgebogen. Nachdem ich das bei meinem Bikevermieter zurückgegeben hab, besorgte ich mir von einem anderen ein neues, was zudem noch günstiger war, mehr service für weniger Geld. Dafür sollte es für einen Tag eine Honda Hero sein, wie ich auch schon vorher hatte, allerdings hatte sie ein paar Macken, wie z.B. ging der Motor bei nicht ständigen betätigen des Gashebels regelmäßig aus und noch viel schlimmer, die Hupe funktionierte nicht. Dann kam dazu, das ich mich direkt am ersten Morgen mit dem Bike hinlegte… Ja das passiert hier schnell. Ein Hund rannte kurz vor mir auf die Mitte der Straße und guckte mich bellend an, nachdem meine Hupe nicht ging, griff ich reflexartig zur Vorderbremse, ein großer Fehler denn das Vorderrad blockierte und der Lenker knickte ein, sodass ich noch abspringen konnte und mir ein paar kleine Schürfwunden zuzog. Die Sache im allgemeinen hier ist, man fährt halt ohne wirkliche Schutzkleidung, dafür aber für deutsche Verhältnisse nur Spielstraßengeschwindigkeit. Daher ist mir auch bei der Begegnung mit dem Hund kaum was passiert, nagut ich konnte 1 Woche lang nicht schwimmen gehen und musste regelmäßig zum Dressing (Verbandswechsel) aber sonst hatte ich keine Einschränkung. Jedenfalls hatte auch dieses Bike klare Spuren meiner Benutzung davongetragen. Die Frontblende war total gebrochen, aber nur optischer Schaden. Dann bin ich noch eine Woche mit dem Bike gefahren, dann riss mir die Kette. Ich rief Lakschman an und sagte ihm mir sei die Kette gerissen, daraufhin schickte er seinen Mitarbeiter los, ein ca. 14 jähriger Junge, welcher gezielt die Verkleidung aufschraubte und feststellte das die Kette gerissen ist. Also rief er seinen Chef an und der schickte noch jemand vorbei, wir dachten es kommt nun jemand mit einer neuen Kette, aber wie das hier in Indien so läuft wird dann mal eben die Kette von dem Bike des Mechanikers ausgebaut und ich mit dem Bike zur Werkstatt geschickt, klang gar nicht gut… Auf jeden Fall hatte dann Lakschman ein neues vorübergehendes Bike für mich, eine Bajaj Caliber 115, mit folgenden Macken: Licht funktioniert nicht immer, Hinterrad völlig runtergefahren und relativ klein, also optimal für mich kleinen Menschen. Also 2 Tage mit dem Bike unterwegs gewesen, nachts ohne Licht, nur mit Stirnlampe gefahren, aber sonst alles glatt gelaufen. Heute früh brachte er mir dann eins vorbei, was ich hoffentlich mal etwas länger fahren kann. Gleiches Modell wie das Letzte, nur mit höherem Lenker, tieferen Pedalen, dickeren Griffen, also optimal für mich großen Menschen. Und man glaubt es kaum, bisher ohne Macken!
Auch wenn das jetzt manche beunruhigt hat, werde schon heil zurückkommen.
In diesem Sinn gute Nacht und gute Fahrt!

Ausflug mit Martin

Am Sonntag lud uns Martin, mein Weltwärts-Pate, zum einem Ausflug mit seinen Kids ein. Martin ist in seiner Haupttätigkeit Gärtner, nebenbei allerdings leistet er eigentlich viel mehr. Seine Familie besteht momentan aus Ihm und seiner tamilischen Frau plus 7 Mädels und einem Jungen und 2 Jungs aus erster Ehe, welche allerdings schon ausgezogen sind. Die Mädels sind so im Alter von 10-23 und kommen aus schwierigen Verhältnissen, was hier leider relativ häufig ist, dass der Vater alles versäuft und die Frauen schlägt. Kinder aus solchen oder ähnlichen Familien, bietet er ein geborgenes Heim und hilft den Girls selbst Fuß zu fassen, allerdings respektiert er auch die Tamil-Kultur und besteht darauf das der Kontakt zur “alten” Familie bestehen bleibt. Schwierig sind Themen wie arrangierte Heirat oder Feste für das Kind, das wird den Familien überlassen, z.B. wird hier ganz groß gefeiert, wenn das Mädchen das erste mal ihre Tage hatte, denn dann ist sie im Heiratsfähigen Alter. Solche Feste sind in der Kultur sehr wichtig und daher auch Familiensache. Fasziniert hatte mich die ganze Sache jedenfalls an einer anderen Stelle, es kam die Frage, ob er für diese “arbeit” finanzielle Zuschüsse bekommt. Denn selbst als Europäer kommt man nach einigen Jahren die man hier lebt an den Punkt an dem nicht mehr alles Günstig ist sondern normalteuer… Als Aurovillianer bekommt man einen monatlichen Fixbetrag, welcher deutlich unter dem liegt, den wir über Weltwärts bekommen. Was ich damit sagen will ist das er relativ wenig zur Verfügung hat und doch mit Herz und Seele für seine Girls da ist und sie auch finanziell unterstützt. Auf die Frage antwortete er, er hätte sich es halt ausgesucht so zu Leben und müsse also auch die Verantwortung tragen, was er mit Vergnügen tut, wie man bei ihm leicht erkennt. In die Gedanken kamen mir diverse Hilfsorganisationen die damit werben, das schon 1 Euro am Tag einem Kind ein besseres Leben beschert, ich konnte es mir bisher nicht vorstellen, jetzt schon. Also ich für meinen Teil, habe im Kopf schon reserviert, das ich auf jedenfalls Menschen wie Martin unterstützen werde, wenn ich irgendwo wieder normal Geld verdiene. Und kann nur jedem raten es gleich zu tun, aber wahrscheinlich muss man erst einmal so eine Familie erlebt haben um an diesen Punkt zu kommen. Man kommt hierzulande mit 35-80 Euro im Monat, je nach Alter des Kindes, gut hin. Das ist fast das was ich früher an Strafgebühren für versäumte Rechnungen bezahlt hab… also für die Zukunft!

So zurück zum Thema, wir fuhren also 65 km ins Inland und stiegen dort aus hinter einem Rock, welcher vielleicht 20m hoch war. Er bestand aus vielen größeren oder kleiner Felsbrocken, was ihn aussehen ließ als wären sie von Riesen einfach da hingeworfen wurden. Auf jeden Fall wunderbar zum Klettern. Also kletterte ich ein wenig umher, doch als die Mädels anfingen rumzuklettern hatte ich meine Meister gefunden, die sprangen von Stein zu Stein, als wären die 4-5m tiefen Spalten nicht vorhanden und ruckzuck waren sie ganz oben. Wenn sie nicht gerade am klettern waren, spielten sie verstecken und man merkte ihnen an, dass sie glücklich waren, mal was neues zu sehen, normalerweise bleiben Tamilen ihr ganzes Leben in ihrem Dorf. Das ist sogar in der Sprache verankert, es gibt im Tamil kein Staat, keine Stadt, kein Land, man fragt immer aus welchen Dorf man kommst. Auch wenn das “Dorf” Europa, Deutschland, Sachsen, Nrw, Leipzig oder Bochum heißt. Nach einem Picknick unter einem Baum und ausgiebigen gekletter, ging es dann zum Tempel, dort gab es dann die Sarisvathi Puja. Sarisvathi ist der Gott der education und Arbeit an dem Tag werden alle Werkzeuge und sonstige Arbeitsmittel geheiligt. So fuhren zum Beispiel fast alle Autos mit Palmenblättern und Blumenschmuck auf der Motorhaube durchs Land. Und eine Puja ist ein Gebet für den Gott. Es werden also kleine Opfergaben auf den Schrein gelegt und dazu ein kleines Feuer angezündet, dann betet man für ein Unfallfreies Jahr. An einem solchen Tag erkennt man auch erstmal die Spiritualität der Region, nahezu an jedem Auto war das Zeichen Sarisvathis und Naturschmuck.